Toastmaster in Frankfurt: Ein Abend bei dem Rhetorikverein

Von Lampenfieber-Vampiren und Wortakrobaten.

Die einen wollen ihre Redeangst überwinden, die anderen genießen es, vor fremdem Publikum zu präsentieren. Die Toastmaster in Frankfurt, ein deutscher Rhetorik Club, üben sich in der Redekunst

Der Toastmaster des Abends bittet Ilona, ihre Rede zu präsentieren. Ilona steht auf. Flüchten? Ausgeschlossen! Sie rückt ihre eckige Brille zurecht, schließt den obersten Knopf des schwarzen Blazers und geht der Stuhlreihe entlang nach vorn. Ein Stichwortzettel schwingt in der linken Hand. Oft hat sie geübt, die Rede ist einstudiert. Ihr Mentor hatte empfohlen, das zweite Redeprojekt zu wiederholen. Heute muss es gelingen.

Ilona arbeitet als Business Developer und ist seit 2012 Mitglied des Rhetorik-Clubs in Frankfurt. Sie wird über „Rückenschmerzen“ sprechen. In der Freizeit trainiert sie im Fitnessstudio, ein Spezialist für Rückengymnastik. Nun steht sie vor dem Publikum und redet über die neusten Erkenntnisse ihres Lieblingsthemas mit kräftiger Stimme. Zwischen fünf und sieben Minuten darf ihre Rede dauern. Die rund fünfzehn Mitglieder des Rhetorik-Clubs hören Ilona aufmerksam zu. Einige machen sich Notizen. Keiner spielt mit seinem Handy und niemand tuschelt mit dem Nachbarn. Der Zeitnehmer stoppt die Zeit mit einer Sport Uhr. Vor ihm steht ein DIN4-Ordner, aufgeklappt wie ein kleines Zelt, von dem er nacheinander eine grüne, gelbe und rote Karte aufgedeckt. Sie geben Ilona Orientierung, wieviel Zeit für die Rede verbleibt. Wenn der Zeitnehmer die rote Karte aufblättert, muss sie zum Schluss kommen. Der Füllwortzähler registriert jedes „Ähm“ oder „ja“ oder „ich sag mal“. Nach der Rede lobt Markus, Mentor und Präsident und seit 2010 Toastmaster, ihr Zeitgefühl: „Du hast dir deutlich mehr Zeit gelassen als beim letzten Mal. Deine klare und deutliche Stimme hat mir gefallen“, lobt der 46-Jährige Vertriebsleiter. Auch Kritik spart er nicht aus und empfiehlt, Notizen zur Seite zu legen, wenn sie etwas am Flipchart präsentiert. Ilona kehrt an ihren Platz zurück und notiert die Hinweise. Später bekennt sie: „Das Schlimmste ist die Zeit, bevor man ran kommt“. Doch Angst vor dem „Lampenfieber-Vampir“ wie ihn Udo Lindenberg besingt, hat sie nicht. „Ich nutze Rituale. Blazer zuknöpfen und langsam nach vorn gehen. Nicht hasten“, erläutert sie. „Und wenn ich vor dem Publikum stehe, fange ich nicht sofort an. Zuerst suche ich ein aufmerksames Gesicht. Das gibt mir Sicherheit“.

Der Rhetorik-Club in Frankfurt gehört zu den Toastmaster International, einem internationalen Rhetorikverein, der die Kunst des öffentlichen Redens fördert. Die Toastmaster sind keine Bäckermeister, sondern probieren sich in der Redekunst. Der Club in Frankfurt wurde 2003 gegründet und hat 55 Mitglieder. Er ist einer von 13.500 Toastmaster Clubs in 116 Ländern mit mehr als 280.000 Mitgliedern. „Zu uns kommen Hausfrauen, Steuerberater, Vorstandssekretärinnen und Studenten“, informiert Riyad, 40 Jahre, Krankenkassenfachwirt und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit des Clubs. „Unsere Mitglieder haben unterschiedliche Interessen, uns zu besuchen“, erzählt er. „Der eine überwindet seine Redeangst, der andere genießt es, vor fremdem Publikum über sein Lieblingsthema zu schwadronieren.“ Der Ablauf eines Clubabends folgt einer standardisierten Agenda und ist somit sehr strukturiert und vorhersehbar. „Doch was innerhalb dieses Korsetts geschieht, ist voller Überraschungen“, informiert die Homepage des Clubs. „Andere Vereine in Deutschland nehmen es sehr genau mit dem Zeitmessen und Füllwortzählen. Wie sind da nicht so penible“, sagt Riyad. „Bei uns geht der Spaß vor.“

Je später der Abend, je mehr müssen die Redner improvisieren. Nach sorgfältig recherchierten Reden folgen die zwei-minutige Stehgreifreden ohne Möglichkeit, sich vorzubereiten. Nur auf den Weg nach vorn bleibt Zeit, eine originelle Idee zu entwickeln. Es gilt, schnell zu denken und zu sprechen. Über jedes Thema darf fabuliert werden. Die Spannung im Raum ist zu spüren. Nur die Gäste haben das Recht, die Rede zu verweigern.

Till, 28 Jahre alt und im Berufsleben Arzt, moderiert die Stehgreifreden wie ein Nachrichtensprecher. Nacheinander wird er Mitglieder des Rhetorik Clubs bitten, als Korrespondenten über außergewöhnliche Ereignisse zu berichten.  Noch weiß niemand, wen Till auswählen wird. Der nimmt auf einem Stuhl Platz und legt sein Handy auf den Tisch. Dann schwingt die Melodie einer Nachrichtensendung durch den Raum. „Willkommen zum Heute Journal“, schauspielert Till. Er informiert über den Ufologie-Kongress in Wanne-Eickel und bittet Melanie, über die wichtigsten Ergebnisse zu berichten. Die Vorstandssekretärin einer Frankfurter Bank weiß worauf es ankommt: Schnell eine Geschichte formen, reden was in den Kopf kommt bis die Fantasieturbinen rauschen und die Idee zündet.  Die Möglichkeiten sind unerschöpflich. Einzige Regel: zwei Minuten durchhalten und Spaß haben. Melanie erzählt, wie Experten über zukünftige Zahlungssysteme streiten. Papiergeld ist in 100 Jahren längst verschwunden, weiß sie zu berichten. Sie informiert, dass Deutschland als erstes Land den Bargeldverkehr abschaffen will und beschreibt einen Gesetzentwurf, den der Bundesrat verabschieden wird. Zwei Minuten sind um. Das Publikum klatscht begeistert Beifall. Melanie grinst über den Ausgang ihrer Geschichte.

In den folgenden Beiträgen übertrumpfen sich die Toastmaster mit kuriosen Einfällen. Ein Korrespondent informiert über das Treffen der Kunsthistoriker in Madrid. Die Fachwelt ist begeistert, sagt er, da dreiundvierzig bisher nicht bekannte Werke von Picasso entdeckt wurden. Darunter zählt auch „Der Stiefel im Schlamm“, eine Plastik, welche Picassos frühere Schaffensperiode in Gelsenkirchen zugeordnet werden kann. Andere Korrespondenten kommentieren Nachhilfemethoden, um schlechte Schüler zu guten Leistungen zu verhelfen und über Verbote, welche ab sofort in der amerikanischen Baseball Liga wirksam werden. Die Reaktionen im Publikum sind verschieden. Manch einem treibt es die Lachfalten ins Gesicht über die irrwitzigen Ideen, ein anderer lehnt sich mit verschränkten Armen stirnrunzelnd zurück.

Ilona beobachtet die Stehgreifredner und notiert ihre Eindrücke. Wie alle Reden werden auch die Stehgreifreden im Anschluss bewertet. Für jeden Redner hat sie lobende Worte oder kritische Tipps. Melanie fand flüssig zum Thema und unterstrich ihre Argumente mit Handbewegungen und sicheren Stand, beurteilt Ilona. Auch gefiel ihr, wie sie der Geschichte ein Ende gab. „Üblich ist das nicht. Manchmal redet man sich um Kopf und Kragen“, lacht Ilona.

Reden zu halten ist vieles – vor allem lernbar. Markus, der Präsident des Rhetorik-Clubs, rät neuen Mitgliedern: „Reden, reden und reden.“ Damit hält er es mit Washington Irvin einem amerikanischen Schriftsteller, der erkannte: „Eine scharfe Zunge ist das einzige Schneidwerkzeug, das bei andauerndem Gebrauch schärfer wird.“

Der Rhetorik-Club Frankfurt trifft sich jeden zweiten Mittwoch und Donnerstag im Monat im Nord West Zentrum in Frankfurt am Main (Saalbau Titus-Forum) um 19:30 Uhr. Gäste sind immer willkommen.

http://rhetorik-club-frankfurt.de/

Nächster Beitrag
Steigern Sie mit der Loci-Technik Ihre Gedächtnisleistung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü