Projektmanagement – Rettungsaktion in der Riesending-Schachthöhle

Im Juni 2014 steigen fünf Höhlenforscher aus Bayern und Baden-Württemberg in die Riesending-Schachthöhle ein. Sie ist die tiefste und längste Höhle Deutschlands und teilweise unerforscht. Am Pfingstsonntag verunglückte ein Expeditionsmitglied, der 52-Jährige Johann Westhauser, schwer. Ein internationales Team aus Höhlenforscher retteten ihn in einer mehrtägigen Aktion aus der Höhle. Klemens Reindl, Einsatzleiter Bergwacht und Heiner Brunner, Krisenmanager für Alpinunfälle, berichteten in ihrem Vortrag über die erfolgreiche Rettungsaktion. Was können Projektmanager von der Einsatzleitung lernen? Der folgende Bericht skizziert drei Tipps für erfolgreiche Projektarbeit. 

Was war passiert?

Die Riesending-Schachthöhle im Untersberg in den Berchtesgadener Alpen wurde im Herbst 1996 von der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt e.V. entdeckt. Sie ist 1148 Metern tief, über 19 Kilometern lang und gilt als Forscherterritorium. Am Pfingstsonntag, den 08.Juni 2014 um 01:30 Uhr ereignete sich an der tiefsten bekannten Stelle ein schwerer Unfall. Auf dem Rückweg nach oben, an einem Fixseil hängend, traf ein Schlammbrocken Johann Westhauser am Schädel. Obwohl er von einem Helm geschützt war, erleidet er ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Seine Kameraden versorgten in vor Ort. Zwei von ihnen kletterten aus der Höhle, erreichten nach zwölf Stunden die Berghütte Störhaus und setzten einen Notruf ab. Nach elf Tagen, zehn Stunden und vierzehn Minuten empfing die Einsatzleitung von 728 Rettungskräften und Helfern die Meldung: “Johann Westhauser ist im Hubschrauber auf dem Weg zur Klink.”

Warum war die Rettungsaktion schwierig?

Der Patient war in einer lebensbedrohlichen Situation, die ein sofortiges medizinisches Eingreifen erforderlich machte. Die Retter mussten schnell agieren. Die Riesending-Schachthöhle ist sehr tief, nur sehr erfahrene und bestens trainierte Höhlenretter, von denen es in ganz Europa nur wenige Spezialisten gibt, konnten helfen. Die Einsatzleitung der Rettungskräfte musste in kürzester Zeit eine leistungsfähige Mannschaft zusammenstellen und sie zu einer effizient agierenden Einheit formen.

Tipp 1: Wenn Du es eilig hast, gehe langsam

Höhlenretter sind es gewohnt, schnell zum Verunglückten vorzudringen, ihn medizinisch zu versorgen und dann rasch in die Klinik zu transportieren. Doch die Einsatzleitung muss die Helfer bremsen denn die Rettung muss zunächst vorbereitet werden. Der Patient, der gerade um sein Leben kämpft, braucht immer wieder Pausen. Deshalb legen die Retter Biwaks auf schmale, flache Plätze in der Höhle an. Zu diesen transportieren sie medizinische Artikel, Verpflegung, Schlafsäcke und Wärmematten. Den Höhleneingang schäumen sie mit Bauschaum aus, damit keine Gesteinsbrocken in den Schacht stürzen. Die Rettungsmannschaften montieren kilometerweite Seilgeländer, schlagen ein paar Tausend Trittstufen ins Gestein und installieren Seilbahnen, um den Patienten transportieren zu können. Auch einen Wasserfall leiten sie in der Höhle um. Die Ärzte wiederbeleben den Patienten achtmal in den ersten 24 Stunden. Er ist nur teilweise ansprechbar, kann eine Körperseite nicht bewegen und darf nicht naß werden. Er darf sich nicht erkälten.

Tipp 2: Das Team entscheiden lassen

Die Retter kommen aus fünf Nationen: Deutschland, Österreich, Schweiz, Kroatien und Italien. Sie nutzen unterschiedliche Tragesysteme für Patienten. Die Schweizer transportieren Verunglückte mit der “Schweizer Barre”, die Italiener mit den „Stretcher“ und die Deutschen mit der „Höhlenrettungstrage“. Keiner arbeitet mit der Trage des anderen. Jede Nation beansprucht für sich, die beste Ausrüstung einzusetzen. In der Höhle ist es dunkel, bis zu vier Grad kalt, feucht, schwammig und eng. Auf den Weg nach unten testen die Retter, ob die Trage genug Platz in der Höhle findet. Wenn nicht, wird die Passage gesprengt, um Platz zu schaffen. Manche Stellen bleiben so eng, dass die Trage beim Wechsel nicht getauscht werden kann. Doch welche Trage ist die Richtige? Die Chefs der Höhlenrettungsgruppen sollen sich zusammensetzen und sich auf eine Trage einigen, fordert die Projektleitung. Sie sind die Experten, sie sollen eine Entscheidung treffen. „Wenn ihr euch nicht einigt, dann treffen wir diese Entscheidung“, gibt die Einsatzleitung bekannt. Doch die Chefs der Rettungsgruppen einigen sich. Später merken sie, dass jedes System Vor- und Nachteile besitzt.

Tipp 3: Vor-die-Lage-kommen

Der in der Bergrettung verwendetet Begriff „vor die Lage kommen“ bedeutet Krisenmanagement pur. Die Einsatzleitung muss bei Notfällen und Krisen aktiv agieren, statt zu reagieren. Ziel ist es, die Situation zu beherrschen und zu steuern und nicht sie zu verwalten. Die Einsatzleitung konzentriert sich auf die Probleme von denen sie erwarten, dass sie in der Zukunft eintreffen könnten. Diese Vorgehensweise erwarten Höhlenretter von ihrer Einsatzleitung. Wenn sie zum Beispiel vierzig Karabiner vor dem Einstieg in die Höhle benötigen, dann muss der Bedarf im Vorfeld bekannt und die Ausrüstung beschafft sein.

Die Riesending-Schachthöhle heute

Mehr als 720 Menschen waren an der Rettungsaktion beteiligt, darunter ca. 120 Höhlenretter. Die Kosten der Rettung betrugen fast eine Mio Euro. Inzwischen verschließt ein massives Stahlgitter den Zugang der Riesending-Schachthöhle. Die Gemeinde Bischofswiesen besitzt den Schlüssel und verhindert auf diese Weise, dass Abenteurer sich in Lebensgefahr begeben können. Wer künftig in die Höhle will, muss den Schlüssel bei der Gemeinde holen und unter anderem eine Versicherung nachweisen, die die Kosten für eine mögliche Rettung deckt.

Der Autor wurde vom Beratungsunternehmens Next Level Consulting zu der Veranstaltung am 21.Oktober 2015 im Sheraton Frankfurt Airport Hotel eingeladen.

https://nextlevelconsulting.com/

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