Drei gute Gründe, eigenes Fachwissen zu teilen

Daniel Vienken, Redakteur von projektmagazin, rief im Frühjahr 2020 zur Blogparade auf. Er bat die Leser, Erfahrungen, Hoffnungen und Befürchtungen zum Thema „Brauchen wir noch Grenzen im Projektmanagement?“ zu diskutieren. In meinem Beitrag konzentriere ich mich auf zwei Fragen: Wird der uneingeschränkte Austausch von Wissen und Know-how eine Utopie bleiben? Ist die Fachwelt reif dafür, eigenes Know-how auszutauschen? Meine Hoffnung ist und bleibt nämlich, dass immer mehr Projektleiter ihr Wissen mit anderen teilen. Erfahren Sie im Folgenden, warum.

1. Marktplätze des Wissens nutzen allen

Jedes Projekt ist einzigartig und schafft Neues. Doch die Gefahr ist groß, dass Projektleiter unbekanntes Terrain betreten und einen falschen Weg einschlagen. Eine vielversprechende Strategie, um ein Projekt zum Erfolg zu führen, besteht darin, den Erfahrungsaustausch mit anderen Projektleitern zu suchen. Warum das Rad ein zweites Mal erfinden? Warum nicht aus den Fehlern anderer lernen? Möglichkeiten für den fachlichen Austausch gibt es viele. Ein effizienter Weg scheint mir, einen Fachkongress der großen Verbände, des Projektmagazins oder der PM-Camp-Bewegung zu besuchen. Alle Veranstalter ziehen Jahr für Jahr Referenten und Publikum gleichermaßen an. Beispiele für die Plattformen des Wissensaustausches sind:

Die Nachfrage nach PM-Fachveranstaltungen wächst und wächst. Zum Beispiel besuchten im Jahr 2010 um die 800 Teilnehmer die GPM-Konferenz „PM Forum“. Neun Jahre später, im Jahr 2019, kamen rund 40 Aussteller und mehr als 1000 Teilnehmer zusammen, die an 60 Fachvorträgen in 16 Themen-Streams teilnahmen. Weitere Beispiele: 2016 hatte die PM Welt knapp 400 Teilnehmer, 2018 waren es über 700. Das erste PM Camp wurde 2011 in Dornbirn veranstaltet. Für das Jahr 2020 sind allein im deutschsprachigen Raum – in Zürich, Stuttgart, Berlin und Kiel Veranstaltungen geplant.
Auch wenn die wenigen Zahlen nicht als statistisches Fundament für eine Argumentation dienen können, zeigen sie aus meiner Sicht doch eine nach oben gerichtete Entwicklung. Die Nachfrage steigt. Denn auf der einen Seite sind Projektmanager immer mehr dazu bereit, ihr Fachwissen zu teilen. Auf der anderen Seite ist der Bedarf groß, sich Know-how anzueignen.

2. Nie war es einfacher, an Fachwissen zu gelangen

Unabhängig vom Veranstaltungsangebot der etablierten Verbände, Medien oder Communities: Nie waren so umfassende Möglichkeiten gegeben, Fachwissen zu veröffentlichen oder an selbiges zu gelangen. Jedem Projektarbeiter, der anstrebt, mit seiner individuellen Meinung und seinen Erfahrungen ein breites Publikum zu erreichen oder seinerseits das Know-how von Kollegen zu erfahren, bieten sich unzählige Plattformen. Hier einige Beispiele:

  • Fachdiskussionen auf Un-Konferenzen, bei Treffen von Interessentengruppen und auf PM-Stammtischen
  • Publikation von Fachbeiträgen oder Kommentaren auf Social-Media-Plattformen wie Xing, LinkedIN oder Twitter
  • Onlineseminare über Projektmanagement auf YouTube, Udemy oder In Learning
  • Publikationen bei Book on Demand oder über Podcasts
  • Wissensvermittlung und Wissensaustausch auf Unternehmens-Blogs oder privaten Websites mithilfe einfacher Content-Management-Systeme (CMS) wie Jimdo

Anders als vor fünfzehn Jahren ist es heute sehr viel einfacher, sich mit Informationen zu versorgen. Jeder Experte und jeder Laie kann sich mit wenigen Mausklicks genau die Informationen auf sein Display holen, die er benötigt. Doch dieses fast unendlich erscheinende Austauschangebot birgt auch Herausforderungen: Jeder Einzelne ist für sich selbst verantwortlich, das für ihn passende Angebot auszuwählen. Die Gate-Keeper-Funktion, wie sie früher Fachjournalisten übernommen haben, ist fast vollständig entfallen. Jedoch zeigen Redaktionen wie die des projektmagazins, dass dieser Trend nicht allgemeingültig ist. Google und Co. filtern mit ihren geheimnisvollen Algorithmen die Inhalte und präsentieren sie dem Wissenshungrigen in einer endlosen Trefferliste. Beispielsweise liefert die Suche nach dem Begriff „Planning Poker“ ca. 45.400.000 Ergebnisse.

3. Keine Angst vor „Ideenklau“ – Wissen macht noch keine Konkurrenz

Einfach nur Wissen anzuhäufen, bringt gar nichts: Man muss es auch anwenden. Dem Rezipienten – also dem Hörer, Leser oder Betrachter – hilft es nicht weiter, Wissen nur zu sammeln. Wenn dieses Wissen keine Anwendung in der Praxis findet, ist es wertlos. „Es ist nicht genug, zu wissen – man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun“, schrieb Goethe. Wenn man es so betrachtet, verbleibt der Wissensvorsprung überwiegend doch beim Autor oder Präsentator. Aus meiner Sicht muss dieser also die Preisgabe seiner Ideen hinsichtlich Datenklau nicht fürchten. Denn von etwas zu hören oder zu lesen, heißt noch lange nicht, eine Sache selbst erlebt, gefühlt oder vollbracht zu haben und diese Erfahrung entsprechend umsetzen zu können.

Attraktive Darstellungsformate erhöhen Aufmerksamkeit

Unendlich viele Wissensquellen sprudeln unentwegt. Beiträge, Kommentare, Tweets und Postings warten darauf, angeklickt, aufgerufen, gehört oder gelesen zu werden. Doch die Zeit des Medienkonsums ist für uns alle begrenzt. Wir müssen uns täglich entscheiden: Was ist wichtig? So nimmt der Aspekt „Aufmerksamkeit“ einen wichtigen Stellenwert in der Perspektive des Autors oder Präsentators ein. Er steht vor der Frage: Findet das Wissen, welches ich vermitteln will, überhaupt Gehör?

In den Medien ist oft zu lesen, dass Aufmerksamkeit so wertvoll sei wie Gold. Wenn die Leser oder Hörer nach ihren persönlichen Vorlieben, Abneigungen und Interessen entscheiden, welche Informationen sie konsumieren, brauchen Publizisten Alleinstellungsmerkmale, denn sie müssen um die Aufmerksamkeit der Rezipienten buhlen. Was ist zu tun? Wie könnten Projektleiter Aufmerksamkeit erzeugen? Wie könnten sie beispielsweise Themen wie agiles Projektmanagement oder Risiko- und Stakeholder-Management transportieren? Drei Überlegungen:

  • Fachbeiträge, Kommentare oder auch Interviews haben sich  bereits zum Vermitteln von Fachwissen etabliert – warum nicht andere journalistische Darstellungsformen wie die Reportage oder das Feature ausprobieren? Auch Formate wie Storytelling oder Tiny Tales wären machbar.
  • Geschichten berühren und bewegen uns, und sie überzeugen sehr viel mehr als Zahlen, technische Fakten oder Prozessabläufe: Storytelling bedeutet einerseits, Menschen hinter Produkten, Dienstleistungen oder Prozessen sichtbar zu machen, bietet aber auch die Möglichkeit, Wissen zu vermitteln und andere Menschen zum Handeln zu bewegen.
  • Tiny Tales oder Bierdeckelgeschichten sind Storytelling in Kurzform: Der Spannungsbogen muss in 140 Zeichen Platz finden, die Geschichte ist somit auf das Wesentlichste reduziert. Florian Meimberg ist Vorreiter auf diesem Gebiet und zeigte eindrucksvoll auf seinem Twitter-Account (bitte etwas runterscrollen, alles bis 2012). Hier auch ein Beispiel aus seinem Buch Auf die Länge kommt es an: „Sie malte ein Minuszeichen vor die Umsatzprognose. Dann klappte sie das Flipchart wieder zu und schob ihren Putzwagen aus dem Konferenzraum.“ Warum also nicht Tiny Tales im Projektmanagement wagen? Denn: Konfliktreiche Situationen, die der Projektleiter auflöst – idealerweise mit unerwartetem Ausgang –, bietet der Projektalltag mehr als genug.

Ein persönliches Fazit

  • Für Projektleiter, Projektmitarbeiter und Entscheider ist klar: Wissen teilen ist wertvoll. Denn Transparenz und Offenheit fördern den Projekterfolg.
  • Für sie bieten sich unzählige Möglichkeiten (online und offline), Wissen anzubieten und Wissen zu erhalten.
  • Doch als Leser, Hörer oder Zuschauer entscheiden sie sehr individuell, auf welche Inhalte sie ihre Zeit verwenden. Deshalb muss sich der Sender stets die Frage stellen: Wie kann ich meine Zielgruppe am besten erreichen?
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